Bernhard Kraut

Im Wiederanlegen der Burqua
 

Wie ein Mensch von seinem persönlichen Erlebnis sonst mit einem Gott nur berichtet, werde ich von meinem mit einer Burqua erzählen. Ob die Burqua einen Mann oder eine Frau mir zutrieb. Nun, es war mir nicht gegeben, das Geschlecht, das mir solche und bis dahin bloß prophezeite Freuden bereitete, gültig zu erkennen. Derart nicht erwartet trat der Mensch in der Burqua also in mein Leben, wie sonst ein Gott in das Leben von einem Menschen nur dringt, der mit sorgenscheuem Blick in die ihm noch stehenden Jahre wankt. Wie ein Mensch sonst von seiner weit hinausgezögerten Begegnung mit einem Gott nur erzählt, diese sei gewährt worden und allein ent- scheidend, kann auch ich Unbestimmtes über mein Bekanntwerden mit dem Menschen in der Burqua nur berichten. Zu welcher Fassung ich zu jener Zeit aber geschliffen war, darüber kann ich vollständig Rechnung legen. Meine Jugend war vorüber. Vorbei war die Zeit also, in der alles noch zu erfahren war, in der ich durch jedes Erhaschen eines mehr oder minder verhüllten Geschlechtes mich unverzüglich aufbäumte. Vorbei die Zeit also, die nur Hunger war, nach allem, das mit Sex zu tun hatte. Und als ich in die Furche der mir noch stehenden Jahre kroch, keineswegs also zufrieden oder gar satt von dem, was ich bis dahin erlebte, trat mir der Mensch in der Burqua hervor. Wie hatte ich es über, all die nackten Körper zu sehen, wie über, in all der Freizügigkeit ausschließlich korrekt imitierten Sex zu erwerben, und ausschließlich Körper zu besteigen, die Erfüllung nur verkündeten, über Körper zu steigen, die durch Beobachten all der verheißungsvollen Techniken, all der wundersamen Praktiken mehr fingerfertig hätten sein müssen, tatsächlich geschult und zungengeübt also, in der absoluten Lust. Aber sie bestiegen mich und ließen sich von mir nur so besteigen, als wären sie nicht aufgeklärt, als hätten sie nie all das gesehen, was auf diesem Gebiete gründlich geforscht, entdeckt, unermüdlich ausgearbeitet, produziert, angeboten und gekauft wird; ja, ich bin mir sicher, auch von ihnen selbst wieder und wieder aufmerksam gelesen, studiert und das eine und andere Mal auch erworben wurde. Zwar fand ich nie eines der Produkte bei ihnen, also nicht einmal einen Leibwäschekatalog, doch die enorm fetten Umsatzbalken dieser Wirtschafts- und Wissenschaftszweige lassen darauf schließen, auch die mich Besteigenden haben still das eine und andere sicher in ihrem Besitz. Ich war also bereit, aufzugeben, mich darin zu finden, absolute Lust nicht zu leben, mich unter Unbefriedigt zu verbuchen. Der Korpus selbst schon ent- täuschte; denn die Körper, die ich tatsächlich zu fassen bekam, die ich tatsächlich also bestieg und die mich tatsächlich bestiegen, glichen in keiner Weise den in allen Formen und Inhalten von Medien offenbarten Körpern. Die mir entblößten Körper waren nicht makellos, hatten also Furunkel, Leberflecken, hatten Unebenheiten, Narben, schwitzten bloß Alltag und rochen, nach allem, nicht aber nach Lust. Ob die Burqua eine Frau oder einen Mann mir zutrieb. Diese, aber auch keine weiteren Fragen sah ich. Ich war von dem, was die Burqua mir leistete, derart berauscht. Und derart überwältigt tauchte ich schließlich in die gewährte Vorstellung ganz ein, aus der ich mich auch nicht genommen hätte, wenn es ein zu Menschenmaß mutiertes Insekt gewesen wäre, mit dem ich vollständig mich aufzusaugen gehabt hätte, selbst dann hätte ich nicht gezögert, ohne Fragen daraus erwachsen zu lassen, mich ebenso vollzusaufen, und auch im Angesicht Deines unverhüllten Leibes hätte ich nicht aufgehört, mich ebenso völlig ohne Reue auszugießen. Warum habe ich es aber mir wieder zu erzählen, und weshalb hat eine weitere Schrift dafür zu dienen, und wieder von einem Münzer, dem ein Mohammed in einer (für diesen aber selbst alltäglichen) Nacht Jahre wieder erstehen ließ, und woher die Annahme, diesmal wird es gelingen freizulegen, was es tatsächlich war. Nun sind die Fragen also gleich den wohl klaffenden Fragen, die stets im Erzählen mich aufhalten